Kopfnüsse und Brettspiele: In den Zeiten von Covid19 kommt altes Brauchtum wieder zum Zug. Ermuntert vom lokalen Zentralorgan für die Verbreitung unterbliebener Nachrichten, von vielen auch als ‚Weser-Kurier‘ mit viel Lob überschüttet, haben sich die Kinder unserer Nachbarn gerade ein besonders ausgeschlafenes Spiel ausgedacht. Es geht dabei darum, welche Teile des in seiner Gesamtheit als Bremen auftretenden Siedlungsraums in Corona-Zeiten besonders gebeutelt da-stehen. Zu dem Zweck haben sie einen Stadtplan auf dem Esstisch im Wohnzimmer ausgebreitet und die Orte, denen in der Lokalberichterstattung besondere Auftritte eingeräumt werden, mit aus Biegedraht geformten Figuren bestückt. Faltermännchen nennen sie die. Immer gut für einen Knick.

Zu spät wurde ihnen allerdings bewusst, dass sich darin auch eine eigentlich unstatthafte Anspielung manifestieren könnte. Schließlich verfügt unser Lokalblatt, wie es mit Fug und Recht genannt werden darf, über einen Mitarbeiter mit einem einzigartigen Bewegungsprofil. Schon nach wenigen Erscheinungstagen mit darauf folgender Dokumentation zeigte sich eine journalistische Wirkungslinie von mehr als einiger Deutlichkeit. Ein Faltermännchen trat zwischen Ziegenmarkt und Goetheplatz dem anderen geradewegs auf die Biegedrahtfüße. Gelegentliche Ausreißer, zum Brommyplatz und in die Neustadt hinüber, gab es auch. Die tägliche Lektüre wirkte wie von den Gebrüdern Blattschuß Ende der Siebzigerjahre in ihrem Lied von den Kreuzberger Nächten in Szene gesetzt. „… da sagt er, dass er von der Zeitung wär‘ / und da wär‘ er der Lokal-Redakteur.“ Wohl auch deswegen wurde vom Innensenator am Sielwall, dem Kreuzweg dieser Meile, der Alkoholverkauf mittlerweile massiv eingeschränkt. Wo bliebe sonst der ganze uns so ins Herz eingepflanzte Qualitätsjournalismus?

Die Sache ging, wie sich schnell zeigen sollte, stets so aus, wie sie nur ausgehen konnte. Hier ein Wirt, der, weil er sein Bier nicht los wird, als Corona-Opfer dasteht. In den Getränkemärkten erweist sich mexikanisches Corona, von InBev, dem Getränkehersteller mit dem Namen eines Hustensafts, via Bremen in Umlauf gebracht, als der Hit. Nur am Sielwall hat, wahrscheinlich, weil die diesjährige Breminale nicht stattfinden durfte, nie einer davon gehört. Und das, wo es doch zu den herausragenden Tugenden in diesem Quartier gehört, auf andere Leute mit Flaschen zu werfen. Schaut man sich in der Gegend, die als Viertel mit Anspruch auf das Ganze auftritt, noch ein bisschen mehr um, immer verbunden mit einem Zeitungspapierrascheln, stößt man auf Figuren, die irgendwie alles verkörpern, was dem gesunden Volkskörper gerade angetan wird. Wo die Plage sich eigentlich auf den Einzelhandel des gesamten Gemeinwesens auswirkt, springt sogleich ein Norbert Caesar aus der Kiste beziehungsweise wird aus einer redaktionell gut aufgestellten gezaubert. Haushaltswaren, seine Profession, sind geradewegs coronar angefressen. Was die Wirtschaftsform Ostertorsteinweg entscheidend beeinträchtigt. Ein Virus als Elefant im, mit Blick auf Ton, Steine, Scherben, sich auf dem Gebiet allzeit konsumfreudig gebenden Viertel mit mittendrin einem leibhaftigen Caesaren, das führt unweigerlich zu der Frage, ob die dort auch eine Kleopatra haben. Regentin über ein, hilft nix, das muss jetzt raus, galliges Dorf. Kein bisschen übertrieben das alles, vielleicht. Muss auch nicht stimmen. Die Nachbarn habe ich, wie die Nachbarskinder, einfach erfunden. Die Faltermännchen, das versteht sich, natürlich auch. Biegedraht kriegt man übrigens in jedem Haushaltswarengeschäft. Nicht nur in dem einen, repräsentativen, in dem sie wahrscheinlich auch mit einem Zaubertrank handeln. Dem, der in den Kneipen, in dem die ausgedachten Biegedrahtwichte verkehren, gerade nicht mehr ausgeschenkt werden darf. Taubenschlag aber auch! Albert Einstein verdanken wir die Einsicht, dass Zeit und Raum ein paar bedenkliche, nicht mit unserer Alltagserfahrung vereinbare Eigenschaften aufweisen.

Die Quantenphysik fügte dem, gegen seinen anfangs entschiedenen Widerstand, das Phänomen der spukhaften Fernwirkung hinzu. Bei der geht es, sehr vereinfacht, darum, dass zwei Teilchen, die eigentlich in einem Mikrokosmos fixiert sein sollten, imstande sind, über unendliche Weiten miteinander zu kommunizieren. Dahinter steckt auch die Aufhebung der Erfahrungstatsache von Ursache und Wirkung. Bleiben wir, bevor sich im erwähnten Mikrokosmos noch weitere beunruhigende Dinge abspielen, bei dem vor der eigenen Tür. Also bei der Frage, wie ein allein seligmachendes Viertel dazu in der Lage sein könnte, Zeit und Raum so zu verbiegen, dass die Elementarteilchen darin tanzen wie die Faltermännchen auf ihrem Kneipen-Parcours. Vielleicht verhält sich das im hiesigen Gemeindeverbund ja so: Bremen-Nord führt, was sich als das eigentliche Bremen ausgibt, zwar in seinem Namen. Im Herzen eher nicht, oder, quantentheoretisch, in seinem Spin. Das eine Element wäre demnach mit dem anderen durch nicht weniger als eine spukhafte Fernwirkung verbunden. Sei’s drum. Beim Raum finden sich immerhin Indizien, wegen all der Gebäude mit mehr als einer Etage, die hierorts in beständiger Wechselwirkung als Hochhäuser gelten. Oder nehmen wir den seiner Fertigstellung regelrecht entgegenfiebernden Autobahnring um Bremen. Eigentlich kein Ring, sondern eine Eckverbindung oder Querspange. Aber das zu behaupten, wäre ein Rücksturz aus der Quantenphysik in die Regularien einer klassischen Geografie. Deren Gesetze dort, wo die Weser viele Bögen kennt, aber nur einen macht, keine Gültigkeit haben. Andernfalls wäre Bremen-Nord nicht Bremen-Nord, weil die Nord-Süd-Richtung, von der Erdachse vorgegeben, eine solche Verortung nicht zulässt. Wie formulierte, vor Jahren schon, ein vom NDR in Hannover zu Radio Bremen abgeordneter Kollege so treffend: „Die Erde ist rund. Bremen ist eine Scheibe!“

Was allerdings so auch schon wieder nicht stimmt. Die Erde ist keineswegs rund. Sie ist, geophysikalisch, definiert als Rotationsellipsoid und sieht, wegen diverser Schwerkraftanomalien und anderer Umstände, eher aus wie eine ungeschälte Kartoffel. Also eigentlich selbst für einen Autobahnring um was auch immer nicht zu gebrauchen. Glücklicherweise stellt sich die Frage nicht mehr wegen der von Einstein in seiner Relativitätstheorie ergründeten Zeitdilatation. Bei der geht es darum, dass die Gleichzeitigkeit von räumlich getrennten Ereignissen relativ ist. Abhängig von Position und Bewegungsverhalten eines Beobachters. In die stadtplanerische Praxis übertragen: Selbst für den Fall, dass es einmal zu einem wahrnehmbaren Baubeginn für den Weser-Tunnel kommen sollte, ist mit seiner Fertigstellung selbst bei einem Einsatz aller verfügbaren mathematischen Mittel nicht zu rechnen. Die Geschichte wird ausgehen wie die der Nibelungen mit ihrem Ring. Denen wollte es am Ende nicht einmal mehr gelingen, über den Rhein ein Fahrradbrücklein zu schlagen. Sollte allerdings mit der Phrase von einem um das eigentliche Bremen gelegten Autobahnring eine kommunale Außengrenze definiert sein, könnte man das durchaus als generöses Freiheitsversprechen durchgehen lassen. Der Präsident der nicht im Viertel ansässigen Jacobs University, Antonio Loprieno, erklärte unlängst in einem Interview, man müsse seine in finanzielle Schieflage geratene Hochschule „einbremen“. Einbremung von augenscheinlich Außerirdischen: Von draus vom Weltraum komm ich her! Hätte es eines akademisch geführten Beweises für die Existenz einer spukhaften Fernwirkung bedurft, wäre er damit er-bracht.

Ein Gastbeitrag von Gerald Sammet

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Gerald Sammet, Autor,
lebt und arbeitet in Bremen-Nord.